Foto von Mike Dorner

Warum ist die Banane krumm?

Erdbeeren im Winter, Rindfleisch am Mittag, Palmöl-Nutella zum Frühstück. Sind wir ehrlich: Hier und da schaut man auf das, was unser Gegenüber isst und verdreht die Augen. Diese Lebensmittel sind wohlbekannte CO₂-Schleudern. Doch bei der Banane zuckt seltsamerweise keine Wimper. Heute schauen wir uns an wie unsere globalisierten Essgewohnheiten die Umwelt beanspruchen und haben vier “Ernährungs-Evergreens” genauer unter die Lupe genommen.

Joanna Wierig

Donnerstag, 7. Februar 2019 / 17.30

1. Mandelmilch

“Auch wer sich vegetarisch ernährt, ist von industrieller Tierhaltung abhängig.” Dieses Zitat aus dem Dokumentarfilm “More than honey” (2012) von Regisseur Markus Imhoof schmeckt nicht süss, sondern bitter. Der Film zeigt auf, dass sich auch Milchersatzgetränke wie Mandelmilch plötzlich in einem ganz anderen Licht wiederfinden, wenn es um deren Gewinnung geht. Denn wer seinen Kaffee mit Mandelmilch statt mit Kuhmilch geniesst, und sich den Traum von einer nachhaltigen und tierfreundlichen Alternative auf der Zunge zergehen lässt, irrt. Leidtragende sind hier jedoch keine Säugetiere, sondern 6-beinige Hautflügler: die Honigbienen.

Massenhaft in portable Bienenstöcke gezwängt, werden diese in Florida zu riesigen Mandelplantagen chauffiert, bevor es quer durch Amerika zu anderen Obstplantagen geht, die erst später in Blüte stehen. Dabei sind die Tiere Stress, Pestiziden, Parasiten und anderen destruktiven Einflüssen ausgeliefert.

Gestresste Bienen

Zahlreiche Tiere sterben allein schon, weil sie die Fahrten in den Imker-Trucks nicht überstehen, die zwei bis drei Tage lang dauern. In diesen Tagen können die Bienen ihren Stock nicht verlassen und sehen sich gezwungen, ihren Kot im Abdomen zurückzuhalten. Ein giftiger Stress für die Tiere, den viele nicht überstehen.

Bedrohte Helfer – Honigbienen bestäuben Blüten, aus denen sich Steinobst wie Mandeln bilden oder andere Früchte. Foto von Boris Smokrovic

Pestizide

Um die Mandelblüte in den riesigen Monokulturen vor Pilzbefall zu bewahren, kommen Unmengen von Fungiziden zum Einsatz. Diese werden tagsüber gesprüht, weil sich die Landwirte nachts in den riesigen Plantagen verirren könnten. Einmal besprüht, verenden zwar die meisten Tiere nicht an dem Pestizid, aber sie nehmen es über ihren Körper, die Pollen oder Nektar mit in den Stock, wo sie es ihren Maden verfüttern. Die Maden werden durch das das Gift im gesunden Wachstum gehemmt, oder gar so sehr geschwächt, dass sie sterben. Das schrumpfende Volk reagiert zusätzlich gestresst, wenn es nicht genügend Arbeiterinnen und Drohnen grossziehen kann. Letzteres sind die männlichen Bienen, die aus unbefruchteten Eiern entstehen, die von der Königin in die Wachswaben abgelegt werden.

Parasitärer Befall und Krankheiten

Insgesamt 1,5 Millionen Bienenvölker kommen über den Mandelplantagen zusammen. Das sind gut zwei Drittel der gesamten Bienen der USA. Bei ihren Ausflügen stecken sich die Tiere gegenseitig mit Keimen und Parasiten an. Darunter auch der schlimmste Parasit: Die Milbe Varroa destructor. Der Parasit heftet sich an sein Opfer und saugt es aus. An den Bisswunden kommt es zu viralen Infektionen, wegen der die Flügel der Tiere verkümmern. Letztlich stirbt das Tier und mit ihm oft das ganze befallene Volk. Die Verminderung des Genpools durch Überzüchtung, um immer zahmere und ertragreichere Honigbienen zu kreieren, hat die Widerstandskraft der Tiere stark geschwächt. So sind nicht nur die bestäubten Blüten oft Monokulturen, nein, auch die Bestäuber selbst sind es. Mit schweren Folgen. In Nordamerika, China und Europa können heutzutage keine Bienenvölker mehr ohne Antibiotika überleben. Die Arznei wird dabei über die Nahrung in den Körper der Tiere aufgenommen und gelangt durch diesen letztlich auch in das Nebenprodukt ihrer Emsigkeit: Den Honig.


Mandelmilch ist aus ökologischer Sicht also nicht unproblematisch, und das nicht nur für die Bienen, sondern auch bezüglich des Wasserverbrauchs. Dennoch bieten Pflanzenmilch-Produkte eine gute Alternative zur Kuhmilch. Laut der Albert-Schweitzer-Stiftung ist zum Beispiel die Hafermilch ein umweltfreundlicher Milchersatz; Hafer wird in Europa angebaut und wirkt sich im Vergleich zu halbfetter Kuhmilch insgesamt rund 70% weniger aufs Klima aus.

Mehr Infos und Vergleiche findest du hier.

2. Äpfel

Bio Suisse lässt unter seinem Siegel zwar Smartfresh (1-Methylcyclopropen) nicht zu, ein Gas, dass den Apfel auch während des Lagerns knackig und frisch halten soll, aber dennoch müssen auch diese Äpfel nach der Ernte gekühlt werden. Und das solange, bis sie letztlich den Weg zum Verbraucher gefunden haben – was Monate dauern kann.

Schneewittchenschlaf – um knackig und frisch zu bleiben, müssen regionale Äpfel nach der Ernte gekühlt werden. Foto von Joanna Nix

CO₂-Fussabdruck

Kühlen braucht Energie. Und Energieverbrauch heisst Emissionsausstoss. Und genau diese kostet den regionalen Apfel seine positive Bio-Bilanz, wenn dieser das ganze Jahr über frisch verzehrt werden will.

Dies wiederum macht Äpfel aus anderen Ländern mit ertragreicheren Ernten attraktiv. Michael Blanke von der Universität Bonn kam zu dem Ergebnis, dass der weite Transport aus Übersee die CO₂-Belastung pro Kilogramm Äpfel nur etwa um ein Viertel erhöht. Die Zeit witzelt in ihrem Artikel sogar über die oft ausser Acht gelassenen Relationen.

Sie schreibt, dass ein niederländischer Bio-Grosshändler den CO₂-Verbrauch eines Kilogramms argentinischer Bio-Äpfel mit 163 Gramm beziffert. Wer mit dem Auto einen Kilometer zum Supermarkt fährt, um dort ein Kilo Äpfel zu kaufen, der stößt etwa 300 Gramm CO₂ aus. Der Verzicht auf das Auto bringt der Umwelt in dem Fall viel mehr als der Blick aufs Herkunftsland.

3. Superfood

Ob Gojibeere, Quinoa oder Chia-Samen: Sie sind in aller Munde und längst haben auch die Grosshändler ihre Produktpaletten mit den Mineral- und Vitaminbomben angereichert.

Rund um den Globus

Ähnlich wie bei den Äpfeln wird es auch beim CO₂-Fussabdruck des Superfoods kritisch. Die Anbaugebiete liegen fast ausschliesslich in Südamerika. Was zur Folge hat, dass weite Strecken durch LKW-, Frachter- oder gar Flugzeugtransporte zurückgelegt werden müssen, damit  Superfood in den Supermarkt von nebenan findet. Man kann natürlich auch auf regionales Superfood umsteigen. Die frische Himbeere braucht sich in Punkto Inhaltsstoffen neben der getrockneten Gojibeere nicht zu verstecken und hat übrigens von Ende Juli bis Ende September Saison.

Monokulturen

Die grosse Nachfrage führt zum Anbau von ein und derselben Pflanze im immer grösseren Stil. Unter der einseitigen Bestellung der Felder leiden die Böden und die Biodiversität. Ausserdem verschlingen die riesigen Felder Unmengen an Wasser. Um die Monokulturen vor Fressfeinden und Krankheitsbefall zu beschützen, kommen Pestizide und Herbizide zum Einsatz, was letztlich die gesundheitsfördernde Wirkung der Superfoods fraglich macht. Doch die Nachfrage bestimmt auch das Angebot. Unterdessen gibt es erfolgreiche Initiativen, um Superbeeren aus Übersee auch in der Schweiz anzusiedeln. So wachsen heute Gojibeeren auch im Zürcher Weinland, und dies erst noch unter Bio-Suisse-Standards.

4. Die Banane

Sie stillt den Hunger in der Pause zwischen Meeting und Zmittag. Sie hilft den Kleinen bei Durchfall. Sie ist im Müsli, in Drinks, in Brot und Kuchen. Ja, die Banane ist unserem täglichen Leben so vertraut, dass die Beerenfrucht (ja, die Banane ist tatsächlich eine Beere) schwer von unserem täglichen Speiseplan wegzudenken ist. Aber was ist denn nun krumm mit der Banane?

Exportschlager

Kein Lebensmittel wird so oft verkauft wie die Banane, verzeichnen Schweizer Detailhändler wie Coop und Migros. Kein Wunder, der Schweizer isst im Jahr ca. 10.5 Kilogramm Banane pro Kopf. Die meisten Bananen werden in Indien angebaut, aber auch in Südamerika wie Ecuador und der Dominikanischen Republik. Von dort aus gelangen die Bananen auf Übersee nach Europa und in die Schweiz. Grün geerntet – weil die Beerenfrucht leicht verderblich ist – wird die Banane in Kühlfrachtern mit Ethylengas behandelt, damit sie nicht nachreift. Erst am Bestimmungsort bringt Äthylengas den Reifungsprozess wieder in Gang, damit die Früchte in marktgerechter Form zum Verbraucher kommen: gelb mit einem leichten Grünton – und ohne Flecken.

Von vielen geschätzt – die Banane. Aber was macht die exotische Frucht eigentlich wirklich krumm?

Exotisch günstig

Als günstige Vitaminbombe ist die Banane nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern wie Deutschland, ein wahrer Verkaufsschlager. Günstiger, als regionales Obst, läuft sie tonnenweise über die Ladentheken. Aber wie ist das möglich? „Das Bananengeschäft ist ein Sektor, der gekennzeichnet ist durch eine jahrzehntelange knallharte Ausbeutung auf nationaler und internationaler Ebene.“ zitiert die taz Frank Braßel von der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam und hinterlässt bei der Leserschaft einen faden Geschmack auf der Zunge. Ein Geschmack, der nach Kolonialmacht schmeckt und die Geschichte der Anbauländer offen legt.

Ausbeutung und Gift

So gut wie jede Banane, die wir verzehren, ist ein Klon der Sorte Cavendish. Diese Sorte dominiert  zu mehr als 95 Prozent den globalen Bananenhandel und ist stark bedroht. Ein Pilz namens TR4vernichtet ganze Plantagen der anfälligen Pflanze, die in riesigen Monokulturen angebaut wird. Gegen den aggressiven Pilz helfen nur Unmengen von Fungiziden, die in Kombination mit anderen Pestiziden durch Flugzeuge über die Plantagen gesprüht werden. Weder Mensch, noch Tier oder Wasser können den einhüllenden Giftschwaden ausweichen. Das zieht Konsequenzen mit sich. In den Anbaugebieten klagen die Menschen über Hautreizungen, Unfruchtbarkeit oder Missbildungen bei Säuglingen und das auch in Anbaugebieten, wo der TR4 nicht wütet. Denn Südamerika blieb von diesem bis jetzt verschont, anders als Asien (wo er entsprang) und sich von dort aus nach Australien und Afrika ausbreitete.

Nachhaltigkeitssiegel

Laut einer Studie von Stock at Stake, welche die Bananen-Industrie zum ersten Mal auf ihre ethischen Kriterien untersuchte, schneidet Max Havelaar mit Abstand am besten ab.

Da ist es lediglich ein Wermutstropfen auf den heissen Stein, dass die Fairtrade-Banane in der Schweiz sehr gefragt ist. Denn jede vierte Banane, die in der Schweiz verkauft wird, ist tatsächlich eine Max-Havelaar-Banane. Damit verzehren die Schweizer insgesamt rund 37 Prozent aller Fairtrade-Bananen, die weltweit gehandelt werden.

Saisonal, regional oder ganz egal?

Was ist denn jetzt richtig? Nicht alles, was auf den ersten Blick tierfreundlich erscheint, ist auf ganzer Linie ökologisch, und nicht alles, was ökologisch ist, ist unbedingt fair produziert. Es ist komplex, aber es lohnt sich hinter die Kulissen zu schauen. Doch da das im hektischen Alltag nicht immer ganz einfach ist, kann ein Blick auf den regionalen Saisonkalender beim Einkauf helfen. Hier wird sogar unterschieden, welche Freilandware in grossem und in begrenztem Angebot erhältlich ist, und welche “saisonalen Frischwaren” an der Theke zurzeit aus dem Lager stammen. Letzten Endes ist die Ernährung auch nur ein Teil eines nachhaltigen Lebensstils – mit deinem Energieverbrauch und deinem Reiseverhalten kannst du ebenfalls zu einer gesünderen Ökobilanz beitragen. (Hier kannst du zum Beispiel testen, wie es zurzeit um deinen persönlichen CO-2-Ausstoss steht, inklusive Tipps, wie du ihn noch verbessern könntest.)

Der individuelle Lebensstil wiederum ist auch nur ein Teil einer viel grösseren Problematik: der weltweit zu hohen CO-2-Emmissionen, die der Klimaerwärmung zu Grunde liegen. Ein globales Problem also, das sicher globale Lösungen braucht. Und dennoch kann es nur helfen, wenn jeder im Kleinen anfängt Verantwortung für das Grosse zu übernehmen. In diesem Sinne also  #stayseasonal, #staylocal und vor allem:

#stayvocal

Nächste Woche nehmen wir den Valentinstag genauer unter die Lupe. Wie wird er gefeiert und warum stösst er nicht überall auf so viel Zuneigung und Liebe? Wir freuen uns auf dich.

Joanna Wierig
Social Media Manager

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